Zum Inhalt springen
Scanready Jetzt prüfen
Gemessen am 25.08.2026

Barrierefreiheit im Shopsystem — was Ihr System kann und was nicht

Kein Shopsystem ist von Haus aus barrierefrei, und keines ist hoffnungslos. Entscheidend ist, was der Kern mitbringt, was das Theme daraus macht und was die eigenen Inhalte danach wieder einreißen.

Drei Ebenen, auf denen Barrieren entstehen

Der Kern ist das, was der Hersteller ausliefert: Formulare, Warenkorb, Checkout, Standard-Theme. Hier hat sich seit 2024 am meisten bewegt, weil die Hersteller unter demselben Termindruck stehen wie ihre Kunden.

Das Theme ist das, was Ihre Agentur daraus gemacht hat. Hier sitzt in unserer Messung der größte Teil der Befunde — eigene Farbpaletten, selbstgebaute Aufklapp-Menüs, Symbolknöpfe ohne Beschriftung.

Die Inhalte sind das, was täglich dazukommt: Produktbilder ohne Alternativtext, Aktionsbanner mit hellgrauer Schrift auf Weiß, ein „mehr“-Link fünfmal auf derselben Seite. Diese Ebene lässt sich nicht einmalig lösen, sie braucht eine Routine.

Wer nur die erste Ebene aktualisiert und die anderen beiden übergeht, hat ein neues System und dieselben Barrieren.

4 Shops gemessen

Shopware 6

Shopware hat sich in seiner Entwicklerdokumentation ausdrücklich auf WCAG 2.1 AA und BITV 2.0 verpflichtet und die Storefront schrittweise umgebaut. Der wichtige Punkt für Betreiber: In 6.6 liegen die Verbesserungen, die bestehendes Verhalten ändern, hinter dem Feature-Flag ACCESSIBILITY_TWEAKS und sind standardmäßig aus. Ab 6.7 sind sie Standard. Wer auf 6.6 ohne dieses Flag läuft, hat sie schlicht nicht aktiv.

Shopware selbst führt in derselben Dokumentation offene Punkte auf, die noch bearbeitet werden. Ein Versionssprung ist also ein guter Anfang und kein Nachweis.

In unserer Messung waren vier Shopware-Shops dabei, mit 7 bis 152 Fundstellen — die größte Streuung aller geprüften Systeme. Auffällig häufig: aria-required-children in drei von vier Shops, also selbstgebaute Menü- und Listenstrukturen, deren ARIA-Rollen nicht zusammenpassen. Das ist typisch für angepasste Navigationen und kommt nicht aus dem Kern.

2 Shops gemessen

Shopify

Shopify liefert mit den neueren Standard-Themes eine ordentliche Grundlage, und der gehostete Checkout ist für Betreiber ohnehin kaum veränderbar — das nimmt einen der heikelsten Bereiche aus Ihrer Hand. Die Bandbreite entsteht bei den Themes aus dem Store und bei den Apps.

In unserer Messung lagen die beiden Shopify-Shops bei 5 und 55 Fundstellen. Führend: link-name und button-name — Symbolschaltflächen für Warenkorb, Suche und Konto, die zwar sichtbar, aber für die Vorlesesoftware namenlos sind. Das ist billig zu beheben und wird fast immer übersehen.

Vorsicht bei Apps, die Barrierefreiheit „per Knopfdruck“ versprechen. Das sind meist Overlays — dazu unten mehr.

2 Shops gemessen

WooCommerce und WordPress

WordPress bringt mit dem Block-Editor und den Standard-Themes brauchbare Semantik mit. Das Problem ist die Kombinatorik: Theme plus Seitenbaukasten plus ein Dutzend Erweiterungen, von denen jede eigenes HTML einschleust. Ein Kontaktformular-Plugin, das seine Beschriftungen als Platzhaltertext ausgibt, reißt eine Lücke, die im Theme gar nicht sichtbar ist.

Die beiden gemessenen Shops lagen bei 27 und 35 Fundstellen, mit label-Fehlern in Formularen und dem üblichen Kontrastproblem. Der praktische Hebel bei WordPress ist deshalb nicht das Theme, sondern die Erweiterungsliste: jede Erweiterung, die sichtbares Frontend erzeugt, gehört einzeln geprüft.

Zwei weitere WordPress-Shops konnten wir nicht messen, weil ihr Bot-Schutz den Prüfzugriff abgewiesen hat. Wir umgehen solche Sperren nicht — das steht im Befund und ist ehrlicher, als eine Zahl zu erfinden.

JTL-Shop, OXID, Magento, TYPO3 und die Baukästen

JTL-Shop 5 mit dem NOVA-Theme hat dieselbe Ausgangslage wie Shopware: Der Hersteller bessert nach, aber jede Theme-Anpassung ist Ihre Verantwortung. Wir hatten in dieser Stichprobe keinen JTL-Shop und nennen deshalb auch keine Zahl.

OXID eShop fiel in drei gemessenen Shops (13 bis 54 Fundstellen) durch verschachtelte Bedienelemente auf — anklickbare Elemente innerhalb anderer anklickbarer Elemente, die mit der Tastatur nicht mehr erreichbar sind. Dazu SVG-Symbole ohne Textalternative.

Magento / Adobe Commerce schnitt in zwei Shops am besten ab (2 und 13 Fundstellen). Das sagt wenig über das System und viel über die beiden Betreiber — bei zwei Messungen ist alles andere Kaffeesatz.

TYPO3 war mit einem Auftritt vertreten, und der lag mit 157 Fundstellen an der Spitze des gesamten Laufs. Auch das ist kein Urteil über TYPO3, sondern eines über diesen einen Auftritt.

Baukästen wie Wix, Jimdo oder IONOS haben ein eigenes Problem: Sie können nur ändern, was der Baukasten vorsieht. Kontraste und Alternativtexte gehen meistens, aber wenn ein Bauteil fehlerhaftes HTML erzeugt, bleibt nur der Verzicht auf dieses Bauteil oder der Wechsel des Anbieters. Prüfen Sie das, bevor Sie umbauen.

Was wir tatsächlich gemessen haben

Damit klar ist, worauf die Zahlen oben beruhen — und wo sie aufhören.

Am 25. August 2026 haben wir 16 deutschsprachige Auftritte angesteuert, deren System sich an ihrem Quelltext eindeutig zuordnen ließ. 14 davon ließen sich prüfen, zwei wehrten den Zugriff ab. Geprüft wurden je bis zu sechs Seiten — Start, Kategorie, Produkt, Warenkorb, Kontakt, Impressum — gegen die automatisch prüfbaren Kriterien der EN 301 549 (WCAG 2.1 AA).

Fundstellen je System, Messung vom 25.08.2026
SystemShopsSeitenFundstellen je ShopHäufigster Befund
Shopware 64197 – 152Kontrast, ARIA-Struktur
Shopify2125 – 55Kontrast, namenlose Links
OXID eShop31313 – 54Kontrast, verschachtelte Bedienelemente
WooCommerce21027 – 35Kontrast, fehlende Formularbeschriftung
Magento2112 – 13Kontrast, Bilder ohne Alternativtext
TYPO315157Kontrast, ARIA-Struktur

Gesamt: 70 Seiten, 654 zusammengefasste Fundstellen aus 1.553 rohen Treffern, 2.025 bestandene Prüfungen. Eine Stichprobe dieser Größe zeigt Streuung und wiederkehrende Muster — sie ist keine repräsentative Studie und keine Rangliste der Systeme.

Das eindeutigste Ergebnis: Kontrastfehler in 14 von 14 geprüften Shops. Über alle Systeme hinweg, unabhängig von Größe und Budget. Der zweithäufigste Befund war link-name in 7 von 14 — Links ohne erkennbaren Namen, fast immer Symbolschaltflächen.

Und die wichtigere Einschränkung: Eine automatische Prüfung deckt nur einen Teil der Kriterien ab. Tastaturbedienbarkeit des Bestellvorgangs, Sichtbarkeit des Fokus, Lesereihenfolge und die inhaltliche Richtigkeit von Alternativtexten stehen in keiner dieser Zahlen.

Warum ein Overlay-Plugin die Pflicht nicht erfüllt

Für fast jedes System gibt es Erweiterungen, die eine Bedienleiste einblenden: Schrift größer, Kontrast erhöhen, Vorlesefunktion. Sie sind schnell installiert und ändern am darunterliegenden HTML nichts.

Die deutschen Überwachungsstellen halten solche Werkzeuge für ungeeignet, um die Anforderungen zu erfüllen, und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband warnt vor den Werbeversprechen dieser Anbieter. Wer Vorlesesoftware benutzt, hat sie bereits — eine zweite, aufgesetzte Vorlesefunktion stört eher, als dass sie hilft.

Ein Overlay ist damit nicht nur wirkungslos, sondern ein sichtbares Zeichen nach außen, dass jemand die Abkürzung genommen hat. Für einen Prüfvorgang ist das kein guter Anfang.

Mehr zum Thema

Was die Behebung kostet

Vier Kostenblöcke, die aktuellen Marktpreise und warum die Spannen so groß sind.

Bin ich überhaupt betroffen?

Kleinstunternehmen sind für Dienstleistungen ausgenommen. Drei Fragen genügen für die Einordnung.

Erklärung zur Barrierefreiheit

Kostenloser Generator für den Text, den das Gesetz getrennt von der Technik verlangt.

Abmahnung und Marktüberwachung

Wie das Verfahren wirklich läuft — und was der lauteste Weg nicht ist.

Welche Zahl steht bei Ihnen?

Die Werte oben sind fremde Shops. Ihr eigener Befund ist eine Adresse und weniger als eine Minute entfernt.

Shop prüfen Was das kostet

Kostenlos prüfen, ohne Konto, Ergebnis in unter zwei Minuten.

Jetzt prüfen